Demonstration und Gedenkrundgang

am 8. Mai 2005 in Berlin

Historisch markiert der

8. Mai 1945 das Ende einer der größten Barbareien der Geschichte. Über sechs Millionen Juden fielen dem Wahnsinn Hitlers und seiner Anhänger zum Opfer. Auch andere Bevölkerungsgruppen blieben von Gefangennahme, Folter, öffentlicher Erschießung und der Deportation in eines der zahlreichen Konzentrationslager nicht verschont: Sinti, Roma, Jenische, Slawen, Schwarze (Deutsche), Homosexuelle, Behinderte, Zeugen Jehovas, Intellektuelle – all jene, die nicht in die Rassenideologie der Nationalsozialisten passten, verloren ihr Leben zumeist auf eine solch bestialische Art und Weise, dass es heute noch schwer fällt, die passenden Worte zu finden.

Die Zahl der Menschen...

...afrikanischer Herkunft, die in den Lagern ermordet wurden, wird derzeit auf 2000 geschätzt – KolonialmigrantInnen und ihre Kinder, afrodeutsche Einzelpersonen, Schwarze aus den Amerikas, Europa und Afrika. Die Dunkelziffer ist jedoch weitaus höher anzusetzen. Zum einen bezieht die genannte Zahl die zahlreichen Opfer aus den Reihen der afrikanischen Soldaten der französischen, belgischen und britischen Kolonialtruppen nicht mit ein, zum anderen ist eine afrodeutsche Identität bei Inhaftierten mit deutschem Namen nur schwer nachzuweisen.

60 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus – am 8. Mai 2005 feiert Berlin den „Tag der Demokratie“. Mit einer zweitägigen Veranstaltung am Brandenburger Tor setzt die Hauptstadt ein Zeichen gegen Rassismus und Intoleranz. Hätte es das Fest nicht gegeben, wären just an jenem Tag rund 3500 angereiste Nazis mitten durch das Brandenburger Tor marschiert. Doch ihr ursprüngliches Vorhaben und auch ihre Ausweichrouten können durch die Polizei und rund 30 angemeldete Gegendemonstrationen blockiert werden. Auch wir haben uns versammelt, um gegen neue Nazis, gewählte Rechtsextremisten, gegen Rassismus, Antisemitismus und Geschichtsrelativierung zu protestieren. Gemeinsam mit der Amadeu Antonio Stiftung, der Band Silbermond und vielen Freunden und Unterstützern gilt es, auf dem Gedenkrundgang durch das Berliner Scheunenviertel auch an das zu erinnern, was die Rechten allzu gerne leugnen: das Leid der Millionen Opfer.

Um 14.30 Uhr setzt sich unser Demonstrationszug an der Amadeu Antonio Stiftung auf der Oranienburger Straße in Bewegung. Auf der Höhe des Tacheles stößt eine Roma-Band dazu. Ihr Soundwagen fährt die weitere Strecke vor dem Zug her – die Musik verbreitet eine angenehme Stimmung. Von der Oranienburger Straße geht es über die Auguststraße weiter in die Tucholskystraße. Dort gibt es einen kurzen Stopp. Adé Bantu bedankt sich dafür, dass so viele Leute gekommen sind. Wir stehen auf dem Koppenplatz in Berlin-Mitte, ehemals ein Zentrum jüdischen Alltagslebens. Das Mahnmal „Der verlassene Raum“ von Karl Biedermann, eine Bronzeskulptur in Form eines Tisches mit einem stehendem und einem umgestoßenen Stuhl davor, erinnert hier an die Deportation zahlreicher Juden aus dem Scheunenviertel. Wir legen Blumen nieder und gedenken der Opfer in einer Schweigeminute.

Weiter geht es durch die Große Hamburger Straße oder auch Toleranzgasse, wie sie einst im Volksmund hieß, weil hier so viele Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten beheimatet waren. Gemeinsam mit Silbermond und den Demonstranten stimmen wir die BK-Zeilen „Wir sind bereit für diesen Weg, mehr als zu zweit auf diesem Weg“ an – die Stimmung ist gut! Die Leute singen die Zeilen nicht einfach nur, alle zusammen stehen wir hinter der Botschaft. Unbeteiligte Passanten kommen hinzu oder stimmen mit ein.

Um 14.30 Uhr setzt sich unser Demonstrationszug...

...an der Amadeu Antonio Stiftung auf der Oranienburger Straße in Bewegung. Auf der Höhe des Tacheles stößt eine Roma-Band dazu. Ihr Soundwagen fährt die weitere Strecke vor dem Zug her – die Musik verbreitet eine angenehme Stimmung. Von der Oranienburger Straße geht es über die Auguststraße weiter in die Tucholskystraße. Dort gibt es einen kurzen Stopp. Adé Bantu bedankt sich dafür, dass so viele Leute gekommen sind. Wir stehen auf dem Koppenplatz in Berlin-Mitte, ehemals ein Zentrum jüdischen Alltagslebens. Das Mahnmal „Der verlassene Raum“ von Karl Biedermann, eine Bronzeskulptur in Form eines Tisches mit einem stehendem und einem umgestoßenen Stuhl davor, erinnert hier an die Deportation zahlreicher Juden aus dem Scheunenviertel. Wir legen Blumen nieder und gedenken der Opfer in einer Schweigeminute.

Weiter geht es durch die Große Hamburger Straße oder auch Toleranzgasse, wie sie einst im Volksmund hieß, weil hier so viele Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten beheimatet waren. Gemeinsam mit Silbermond und den Demonstranten stimmen wir die BK-Zeilen „Wir sind bereit für diesen Weg, mehr als zu zweit auf diesem Weg“ an – die Stimmung ist gut! Die Leute singen die Zeilen nicht einfach nur, alle zusammen stehen wir hinter der Botschaft. Unbeteiligte Passanten kommen hinzu oder stimmen mit ein.

Zunächst passieren wir den Eingang zur evangelischen Sophiengemeinde. Die Einschusslöcher in der Fassade des Innenhofes lassen das Ausmaß der heftigen Kämpfe, die hier noch in den letzten Kriegstagen stattfanden, nur erahnen. Schräg gegenüber steht „The Missing House“, eine Installation von Christian Boltanski, die der Opfer des Nationalsozialismus gedenkt. An zwei Brandwänden weisen Gedenktafeln mit den Namen der ehemaligen Hausbewohner auf die Opfer des Nationalsozialismus hin. Separat gibt es mehrere Gedenktafeln mit den Namen der jüdischen Hausbewohner, die bereits deportiert worden waren, als das Haus im Februar 1945 durch einen Bombenangriff zerstört wurde.

Nur wenige Meter weiter erinnert ein eindringliches Denkmal an das ehemalige jüdische Altersheim, welches ab 1942 von den Nazis zum Sammellager – mit Hochsicherheitsgefängnisambiente – umfunktioniert wurde und von dem aus in den Folgejahren etwa 55.000 Juden in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienlager deportiert wurden. Das Altenheim befand sich direkt im heutigen Eingangsbereich des ältesten Friedhofs der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Etwa 12.000 Verstorbene fanden hier seit 1672 ihre letzte Ruhe, bevor die Gestapo die Begräbnisstätte 1943 zerstörte und ihre Gebeine vernichtete. Heute mahnt an dieser Stelle nur noch ein symbolischer Grabstein des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn. D-Flame und Ono verlesen die auf der Gedenktafel verewigte Inschrift. Wir legten Blumen und Steine nieder, einige Mitglieder der Jüdischen Gemeinde sprechen ein traditionelles Totengebet für die Opfer des Holocaust.

Nachdem wir dann alle einmal kräftig durchgeatmet haben,...

...ruft Adé Bantu dazu auf, Geld für die Oduktion Oury Jallohs zu sammeln. Der 21jährige Flüchtling aus Sierra Leone lebte vier Jahre in Deutschland. Er verbrannte in einer Zelle des Dessauer Polizeireviers. Zunächst hieß es von offizieller Seite, Oury Jalloh hätte das Feuer selber gelegt. Berechtigte Zweifel kamen erst auf, als bekannt wurde, dass er auf einer feuerfesten Matratze gelegen hatte – an beiden Armen und beiden Beinen gefesselt... Die gesammelten Spenden dienen der Unterstützung einer angemessenen juristischen Aufklärung des Falles.

Unsere ursprüngliche Routenplanung nach diesem Zwischenstopp sieht den Weg weiter bis in die Rosenstraße vor. Doch der Zugang bleibt uns verwehrt, „aus sicherheitstechnischen Gründen“ hat die Polizei die Gegend abgesperrt. In der Rosenstraße 2-4 steht das 1995 aufgestellte Mahnmal „Block der Frauen“ von Ingeborg Hunzinger. Es erinnert an den Mut hunderter nicht-jüdischer Frauen und Mütter, die ihre jüdischen Männer und Kinder vor der Deportation retteten. Diese arbeiteten als Zwangsarbeiter im „kriegswichtigen Einsatz“ in der Rüstungsindustrie. Durch die am 27. Februar 1943 von den Nazis durchgeführte so genannte „Fabrikaktion“ wurden schätzungsweise 12.000 Zwangsarbeiter deportiert – einfach von der Arbeit „abgeholt“. Die Berliner Frauen harrten sechs Tage vor der Fabrik aus und ihre Männer kamen frei.

Nächster Stopp: Hackescher Markt. Es kommt zu einer Zwischenkundgebung mit dem grünen Europaabgeordneten Cem Özdemir. Weitere Passanten stoßen hinzu und wir hören, was er uns zu sagen hat: „Dies ist kein Tag der Befreiung für die Neonazis, sondern ein Tag der Niederlage für sie“, hallt seine Stimme bis in den Eingangsbereich der belebten Hackeschen Höfe. Wir jubeln, denn die Nazi-Demonstration soll sich auflösen. Solch ein Tag der Toleranz und Demokratie dürfe nicht nur einmal symbolisch veranstaltet, sondern müsse im Alltag gelebt werden, mahnt Cem Özdemir jedoch weiter.

Auf dem weiteren Weg zum Bertholt-Brecht-Platz kommen wir auf der Oranienburger Straße an der Stiftung „Centrum Judaicum – Neue Synagoge Berlin“ vorbei. Die zwischen 1859 und 1866 erbaute Synagoge galt in Europa einst als die größte ihrer Art, fasste der Hauptsaal doch immerhin 3200 Personen. Während des Krieges wurde, das inzwischen vollständig restaurierte Gebäude, fast restlos zerstört. Dass die Synagoge bereits zuvor die Reichspogromnacht 1938 relativ unbeschadet überstanden hatte, ist einzig dem mutigen Einsatz von Wilhelm Krützfeld zu verdanken. Mit dem Argument, das Gebäude stände unter Denkmalschutz und mit der Unterstützung beherzter Feuerwehrleute, verhinderte der Vorsteher des örtlichen Polizeireviers, dass SA-Leute die Synagoge niederbrennen konnten. Krützfeld selbst wurde 1942 zwangspensioniert. Er hatte Juden aus dem Viertel vor ihrer Verhaftung gewarnt.

Als wir unser Ziel,...

...das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm, erreichen, gibt es Anlass zum Feiern: Die Nazidemonstration hat sich inzwischen tatsächlich aufgelöst. Es heißt, die meisten der Rechten seien schon wieder auf dem Weg nach Hause. Mit Erfolg haben die vielen organisierten Demonstrationen die von den Rechten beanspruchten Ausweichrouten versperrt; die peniblen Einzeluntersuchungen der Polizei haben das Übrige dazu getan, damit die Rechten am Alexanderplatz ausharren mussten, bis die Zeit für die Genehmigung ihrer Ausweichrouten abgelaufen war.

Der Ort für die Abschlusskundgebung auf dem Berthot-Brecht-Platz vor dem Berliner Ensemble hätte symbolischer nicht sein können. Hier erinnert das Brecht-Denkmal an den Dichter Berthold Brecht. Der überzeugte Kommunist Brecht war bereits 1933 nach Dänemark ins Exil gegangen, bevor er 1935 von den Nazis zwangsausgebürgert wurde. Nach seiner Rückkehr nach Ost-Berlin gründete er 1949 mit seiner Frau Helene Weigel das Berliner Ensemble. An Marmorsäulen finden sich mehrere seiner Mahnungen gegen den Krieg: „Man hat gesagt, die Freiheit entsteht dadurch, dass man sie sich nimmt, nehmen wir uns also zu allererst die Freiheit, für den Frieden zu arbeiten.“

Holger Kulick von der Amadeu Antonio Stiftung bedankt sich bei den Demonstranten dafür, dass sie so zahlreich gekommen sind. Überraschend übergibt er das Mikrofon an Claudia Roth. Die Grünen-Chefin hat von unserer Aktion gehört und ist direkt vom Bundestag kommend zu uns gestoßen. In ihrer spontanen Rede betont auch sie, wie wichtig es sei, Demokratie nicht nur einmalig zu feiern, sondern jeden Tag zu leben. Dazu gehöre, seine Anliegen zu artikulieren. Ein eindeutiges Anliegen ist die lückenlose Aufklärung des Todes von Oury Jalloh. Adé Bantu bittet die Anwesenden nochmals zu spenden. Anschließend singt Sänger und Liedermacher Carsten Troyke das jüdische Stück „Sage niemals du gehst den letzten Weg“ – ein Lied, geschrieben von Juden im Ghetto. Schauspielerin Katja Riemann liest zwei Gedichte und BK-Aktivist Germ trägt etwas Selbstgeschriebenes vor. Der nun – nach so viel Bewusstseinsbildung – doch etwas bedrückten Stimmung, wirken wir mit unserer folgenden BK-Freestyle-Session vom Feinsten aktiv entgegen.

Nosliw, Germ, Adé Bantu, Blaise, Ono, D-Flame heizen den Demonstranten nach dem langen Marsch noch einmal richtig ein – Brothers Keepers stehen auf! Denn es gibt zu viel zu sagen: Es regt uns auf, dass am 8. Mai Neonazis durch Berlin marschieren wollen, um ihre Ideologie der Schuldumkehr verkünden zu können. Es regt uns auf, dass auch in Politik und Gesellschaft verharmlosende Töne über Schuld und Opfer zu hören sind. Es regt uns auf, dass der „Aufstand der Anständigen“ gegen den neuen Rechtsextremismus nur vorübergehender Natur ist und sich in der Mitte der Gesellschaft Rassismus und Antisemitismus ungehindert ausbreiten. Es regt uns auf, dass seit 1990 knapp 140 Menschen durch Neonazis in Deutschland ermordet und fast vergessen worden sind. Es regt uns auf, dass Minderheiten, Migranten und Flüchtlinge noch immer tägliche Diskriminierungen erfahren müssen. Es regt uns auf, dass es offenbar nicht genügend politischen und gesellschaftlichen Willen gibt, um wirkungsvoll und auf Dauer gegen den Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus von heute zu kämpfen. Es regt uns auf, dass sich zu wenige darüber aufregen! Dagegen wollen wir etwas tun! Mit den Demonstranten jedenfalls scheinen wir uns einig zu sein, die Stimmung kocht über!

Zum Abschluss der Veranstaltung werden dann allerdings doch noch einmal ruhigere Töne angeschlagen. Schauspieler Birol Ünel rezitiert, musikalisch untermalt, „Die Todesfuge“ des jüdischen Lyrikers Paul Celan – ein Gedicht über die Geschehnisse in einem Konzentrationslager. Holger Kulick bedankt sich nochmals bei allen Künstlern für ihr Engagement und das aktive Mitgestalten der Demonstration und des Gedenkrundganges. Und auch wir sagen „Danke“. Immerhin sind durch die Spendenaktion rund 500 Euro zusammen gekommen, gut die Hälfte des Geldes für die Obduktion Oury Jallohs. Zwischenzeitlich haben sich über 600 Menschen unserem Zug angeschlossen. Germ lässt sich einen letzten Appell nicht nehmen: „Zivilcourage ist die Aufgabe von jedem, jeden Tag!“ – Yes, I Am My Brothers Keeper!